ProofedMesh/docs/architecture/v1.1.md

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Technische Zielarchitektur: Vertrauenswürdige Kommunikation zwischen Menschen, KI-Agenten und beliebigen Prozess-Senken

Status: Architekturvorschlag V1.1 (aktive Diskussionsgrundlage) Vorgänger: v1.0.md — ursprünglicher Entwurf (unverändert archiviert) Letzte Änderung: Senken-Konzept generalisiert — SAP ist nur eine mögliche Senke neben eigenen DB-Applikationen, HTTP-Webhooks, Message-Queues u.a.

Diese Lösung wird als Identity-Aware Agent Messaging Platform konzipiert: eine Plattform, die Benutzerfreigaben, delegierte Berechtigungen und sämtliche Verarbeitungsschritte kryptografisch nachvollziehbar macht.

Die zentrale Designentscheidung lautet:

Der Benutzer autorisiert den ursprünglichen Geschäftsinhalt. Jeder Agent attestiert anschließend seine eigene Verarbeitung. Die empfangende Senke überprüft die vollständige Kette, bevor sie eine Aktion ausführt.

Dabei werden Identität, Berechtigung, Verarbeitung und Nachrichtentransport strikt getrennt.

0. Änderungen seit V1.0

Diese Revision setzt die Richtungsentscheidungen der ersten beiden Review-Runden um:

  • Scope Evidence Store: kein rechtssicherer, kein WORM-/GoBD-Anspruch. Ziel ist der kryptografische Nachweis einer unverfälschten Kommunikation während eines begrenzten Zeitraums (Default: 1 Jahr).
  • PII-Trennung: verbindlich. Attestierungen enthalten nur Hashes und Referenzen; personenbezogene Inhalte liegen in einem separaten, redaktionierbaren PII-Store.
  • IdP: Pocket ID wird einziger IdP — für Menschen und Agenten (per client_credentials-Grant). Kein Keycloak.
  • Content Binding: eigener Abschnitt 4.0 als verbindliches UX-/Signatur-Protokoll (WebAuthn über Content-Hash + visuelle Prüfziffer).
  • Workload-Identität: doppelte Prüfung — Pocket-ID-Token plus K8s-ServiceAccount-Token.
  • Schlüsselbund-Scope: Rotation Default 90 Tage × Retention 1 Jahr → max. ~5 aktive Schlüssel pro Agent.
  • Transparency Log: Trillian + PostgreSQL (nicht Cassandra — Begründung in 8.3).
  • Replay-Schutz und fachliche Integritätsprüfung: verbindliche Abschnitte (5.1 und 6.1).
  • Transport: Matrix nur optional in Phase 5 für Mensch-Chat; Agent↔Agent läuft über HTTPS/mTLS + NATS JetStream.
  • Signing Service: eigenes Deployment ab Tag 1.
  • predicateType-Namespace: https://basicstack.de/attestations/<domain>/<version>.
  • 🆕 Senken-Generalisierung: SAP ist eine von vielen möglichen Prozess-Senken. Der Trust-Core ist senken-agnostisch. Senken-Adapter sind eine austauschbare Schicht mit festem Vertrag (Abschnitt 7).

1. Zielarchitektur

Logische Komponentenübersicht, keine direkte Netzwerktopologie. Freigabe- und Attestierungsnachweise werden über eigene APIs erstellt und geprüft; der Transport (HTTPS/mTLS + NATS, optional Matrix) überträgt nur Referenzen und Nachrichten — nie die Vertrauensentscheidung.

Der Prozess endet an einer Senke (Sink). Senken sind nach außen offene Zielsysteme — ERP (SAP S/4HANA, SAP Concur), eigene Datenbankanwendungen, HTTP-Webhooks externer Dienste, Message-Queues (Kafka/NATS), Dateiablage (SFTP, S3), Legacy-Systeme (Mail/EDI) oder beliebige kundeneigene APIs. Der Trust-Core ist senken-agnostisch; pro Senken-Typ gibt es einen Senken-Adapter, der denselben Vertrag erfüllt (Abschnitt 7).

2. Die fünf Architekturprinzipien

  1. Unveränderliche Benutzerfreigabe — ein vertrauenswürdiger Dienst bestätigt den konkret autorisierten Geschäftsinhalt.
  2. Eigene Identität jedes Agenten — jeder Agent besitzt eine separate kryptografische Identität und signiert seine eigenen Verarbeitungsschritte.
  3. Verkettete Attestierungen — jeder Verarbeitungsschritt referenziert exakte Eingabe- und Ausgabe-Hashes.
  4. Unabhängige Autorisierung — eine Signatur allein erteilt keine Berechtigung; eine Policy Engine kontrolliert erlaubte Transformationen und Senken-Aktionen.
  5. Transportneutralität — Nachweise funktionieren über HTTP, NATS, Queue oder Matrix, ohne dass die kryptografische Vertrauenskette verloren geht.

Zusatzprinzip: Senken-Neutralität. Weder der Trust-Core noch der Verifikationspfad kennen die Semantik einer konkreten Senke. Senken-Adapter übersetzen zwischen dem senken-agnostischen „Decision"-Objekt und dem jeweiligen Zielsystem.

3. Konkrete technische Komponenten

Dienst Technologie Verantwortung
Identity Provider Pocket ID Benutzeranmeldung (Passkey) und Agent-Clients (OIDC)
Approval Service Go, REST API Inhaltsgebundene Benutzerfreigabe
Agent Registry PostgreSQL Agentenidentitäten, Schlüsselhistorie, Berechtigungen
Signing Service Go + OpenBao (Transit) DSSE-Signaturen, verifiziert Agenten-Identität doppelt
Attestation Service Go + in-toto Verarbeitungsschritte dokumentieren
Policy Decision Point Open Policy Agent (OPA) Berechtigungen und Transformationsregeln
Verification Service Go Gesamte Vertrauenskette überprüfen
Transparency Log Trillian + PostgreSQL Append-only Merkle-Log mit Inclusion Proofs
Message Transport HTTPS/mTLS + NATS JetStream Agent↔Agent-Kommunikation
Chat Transport (opt.) Matrix/Synapse Mensch↔Agent-Chat (nur Phase 5)
Sink Registry PostgreSQL Registrierte Senken, Adapter-Metadaten, Audience-Keys
Senken-Adapter pro Senke; siehe Abschnitt 7 Übersetzt verifizierte Decision in Senken-Aktion
Evidence Store PostgreSQL (Metadaten) + S3 DSSE-Envelopes und Attestate (Retention: 1 Jahr)
PII-Store Verschlüsselt in S3 Belege und Geschäftsdaten, redaktionierbar

Approval, Attestation, Registry (Agent + Sink) und Verification bleiben in einem modularen Go-Dienst zusammengefasst. Signing Service läuft als eigenes Deployment. Senken-Adapter laufen pro Senken-Typ als eigenes Deployment oder — bei trivialen Senken — als Thin-Client im Buchungs-Agenten.

3a. Identity Provider: Pocket ID allein genügt

Pocket ID unterstützt neben dem Authorization-Code-Flow auch den OIDC client_credentials-Grant (Endpunkt POST /api/oidc/token) und bietet eine Standard-OIDC-Discovery inkl. JWKS unter https://auth.basicstack.de/.well-known/openid-configuration. Damit:

  • Menschen melden sich per Passkey (WebAuthn) über den Authorization-Code-Flow an.
  • Agenten werden in Pocket ID als eigene OIDC-Clients registriert (ein Client pro Agent). Jeder Client erhält client_id + client_secret, hinterlegt als K8s-Secret im Agent-Namespace. Agenten holen sich daraus kurzlebige Access-Tokens.
  • Senken (insb. externe wie SAP) verifizieren per Pocket-ID-JWKS. Keine Federation nötig.

4. Datenmodell der Vertrauenskette

Jeder Vorgang erhält eine unveränderliche workflow_id. Jede Fassung der Daten wird als eigenes Artefakt mit SHA-256-Hash gespeichert. Der Hash liegt im Evidence Store; der Inhalt (PII) im separaten PII-Store.

Vertrauens- und Verarbeitungskette (allgemein, am Beispiel Reisekosten → beliebige Senke)

  1. Benutzerfreigabe — Approval Service bindet die Signatur an den Hash des Inhalts, den der Benutzer per Content Binding bestätigt hat (siehe 4.0), und an die OIDC-Identität des Mitarbeiters.
  2. Agent A: Vorbereitung — Agent A signiert eine Attestierung über Eingabe-Hash, Ausgabe-Hash, Transformationsart und ursprüngliche Freigabe.
  3. Agent B: Mapping auf Senken-Datenmodell — Agent B signiert seine eigene Attestierung mit Referenz auf die Ausgabe von Agent A.
  4. Agent C: Senken-Übergabe — Agent C überprüft die komplette Kette, führt die Aktion über den passenden Senken-Adapter aus und erzeugt nach erfolgreicher Übergabe einen signierten Übergabenachweis mit Senken-Belegreferenz.

Attestierungen sind keine Chatnachrichten, sondern eigenständige, überprüfbare Datensätze.

4.0 Content Binding bei der Benutzerfreigabe

Risiko: der Browser könnte dem Benutzer etwas anderes zeigen als dem Approval Service.

Verbindlicher Ablauf:

  1. Approval Service rendert den Freigabe-Inhalt serverseitig, berechnet SHA-256 H_content und speichert (session_id, H_content, salt) mit einmaligem challenge_nonce.
  2. Browser zeigt den Inhalt und eine aus H_content + challenge_nonce abgeleitete, menschenlesbare Prüfziffer (z.B. 6 Zeichen Base32).
  3. Benutzer bestätigt per Passkey (WebAuthn-Assertion über challenge_nonce || H_content).
  4. Approval Service verifiziert die WebAuthn-Assertion, prüft Session-Integrität, erzeugt erst dann die DSSE-signierte Approval-Attestierung.

Damit scheitert ein kompromittierter Browser, der etwas anderes anzeigt, am visuellen Prüfziffer-Vergleich oder am WebAuthn-Signaturinhalt.

4.1 Benutzerfreigabe (DSSE-Statement)

Beachte: audience zeigt auf eine registrierte Senke aus der Sink Registry (3b), nicht hart auf „SAP".

{
  "_type": "https://in-toto.io/Statement/v1",
  "subject": [
    {
      "name": "expense/EXP-2026-0042/v1",
      "digest": { "sha256": "<64 hex characters>" }
    }
  ],
  "predicateType": "https://basicstack.de/attestations/approval/v1",
  "predicate": {
    "workflow_id": "WF-0042",
    "approval_id": "APR-0042",
    "schema": { "name": "expense.canonical", "version": "1.0.0" },
    "issuer": "approval-service",
    "user": {
      "iss": "https://auth.basicstack.de",
      "sub": "user-12345"
    },
    "content_binding": {
      "method": "webauthn-content-hash-v1",
      "assertion_hash": "sha256:<webauthn assertion hash>",
      "verification_code": "F3K-9MQ"
    },
    "action": "expense.submit",
    "audience": "sink:sap-s4hana-prod",
    "allowed_transformations": ["expense.normalize", "expense.map_to_sink"],
    "allowed_sinks": ["sink:sap-s4hana-prod", "sink:expense-db-app"],
    "nonce": "<base64 nonce for replay protection>",
    "issued_at": "2026-10-25T10:30:00Z",
    "expires_at": "2026-11-01T00:00:00Z"
  }
}

Neu: allowed_sinks erlaubt in der Freigabe explizit mehrere Zielsenken (z.B. Dual-Write SAP + eigene DB).

4.2 Signatur mit DSSE

{
  "payloadType": "application/vnd.in-toto+json",
  "payload": "<base64-encoded statement>",
  "signatures": [
    { "keyid": "approval-service-key-2026-q4", "sig": "<base64-encoded signature>" }
  ]
}

DSSE's Pre-Authentication Encoding (PAE) signiert Nutzlast und Inhaltstyp gemeinsam. keyid ist nur Hinweis — die Identität ergibt sich aus der verifizierten Signatur gegen den zur issued_at gültigen Schlüssel in der Agent Registry.

4.3 Transformations-Attestierung (Beispiel Agent B — Mapping auf eine konkrete Senke)

{
  "_type": "https://in-toto.io/Statement/v1",
  "subject": [
    {
      "name": "expense/EXP-2026-0042/sink-payload",
      "digest": { "sha256": "<output hash>" }
    }
  ],
  "predicateType": "https://basicstack.de/attestations/transform/v1",
  "predicate": {
    "workflow_id": "WF-0042",
    "actor": "agent-sink-mapping",
    "operation": "expense.map_to_sink",
    "sink_target": "sink:sap-s4hana-prod",
    "materials": [
      { "name": "expense/EXP-2026-0042/normalized", "sha256": "<input hash>" }
    ],
    "parent_attestation": "sha256:<previous proof hash>",
    "approval_ref": "APR-0042",
    "schema": {
      "input":  { "name": "expense.canonical",      "version": "1.0.0" },
      "output": { "name": "sink.sap.expense",       "version": "1.2.0" }
    },
    "transform_version": "1.3.0",
    "issued_at": "2026-10-25T10:31:15Z"
  }
}

Agent B signiert diese Attestierung mit seinem eigenen Schlüssel. Wird dieselbe Freigabe auf eine zweite Senke abgebildet (z.B. „sink:expense-db-app"), erzeugt Agent B eine zweite Attestierung mit anderem sink_target und output-Schema.

4.4 Agentenregistrierung und Schlüsselhistorie

Jeder Agent ist in zwei Systemen eingetragen:

  • Pocket ID: als OIDC-Client (client_id, client_secret im K8s-Secret).
  • Agent Registry (Postgres): Identität plus Signatur-Schlüsselhistorie.
CREATE TABLE agents (
  agent_id            TEXT PRIMARY KEY,
  pocket_id_client    TEXT UNIQUE NOT NULL,
  k8s_namespace       TEXT NOT NULL,
  k8s_service_account TEXT NOT NULL,
  display_name        TEXT NOT NULL,
  allowed_actions     TEXT[] NOT NULL,
  created_at          TIMESTAMPTZ NOT NULL
);

CREATE TABLE agent_keys (
  key_id            TEXT PRIMARY KEY,
  agent_id          TEXT NOT NULL REFERENCES agents(agent_id),
  public_key_pem    TEXT NOT NULL,
  valid_from        TIMESTAMPTZ NOT NULL,
  valid_to          TIMESTAMPTZ NOT NULL,
  revoked_at        TIMESTAMPTZ,
  revocation_reason TEXT,
  archived_at       TIMESTAMPTZ
);

CREATE INDEX idx_agent_keys_lookup
  ON agent_keys (agent_id, archived_at)
  WHERE archived_at IS NULL;

Validierung alter Attestierungen nutzt den Schlüssel, der zur issued_at galt (TUF-Pattern).

Retention und Performance. Rotation Default 90 Tage, Nachweis-Retention 1 Jahr → max. ~5 nicht-archivierte Schlüssel/Agent. Nach Retention: archived_at wird gesetzt; Attestierungen jenseits der Retention werden explizit mit expired_retention abgelehnt.

4.5 Sink Registry

Senken sind registrierte Entitäten mit eigener Identität, Audit-Vertrag und — falls sinnvoll — eigenem Krypto-Schlüsselmaterial für Übergabenachweise:

CREATE TABLE sinks (
  sink_id             TEXT PRIMARY KEY,              -- z.B. "sink:sap-s4hana-prod"
  display_name        TEXT NOT NULL,
  adapter_kind        TEXT NOT NULL,                 -- "sap_abap" | "db_app" | "http_webhook" | "message_queue" | "file_drop" | "custom"
  endpoint_url        TEXT,                          -- primary endpoint (sofern HTTP)
  idempotency_scope   TEXT NOT NULL,                 -- "payload_hash" | "workflow_id" | "sink_defined"
  callback_pubkey_pem TEXT,                          -- optional: Senke signiert eigene Buchungsnachweise
  allowed_actions     TEXT[] NOT NULL,
  owner_team          TEXT NOT NULL,
  created_at          TIMESTAMPTZ NOT NULL,
  retired_at          TIMESTAMPTZ
);

Der Verification Service verifiziert bei jedem Aufruf: requested_action ∈ sink.allowed_actions und sink.retired_at IS NULL.

5. Verifikation beim empfangenden Senken-Adapter

Der Senken-Adapter (oder — bei Thin-Client-Senken — Agent C) darf sich nicht auf die mitgesendeten IDs verlassen. Er muss die gesamte Nachweiskette prüfen.

POST /api/v1/attestations/verify
Authorization: Bearer <service-token>
Content-Type: application/json
{
  "workflow_id": "WF-0042",
  "artifact_digest": "sha256:<final hash>",
  "requested_action": "expense.post",
  "target": "sink:sap-s4hana-prod"
}

Prüfungen:

Prüfung Fehlerfall
Signatur der Benutzerfreigabe gültig (Schlüssel zur issued_at gültig)? Ablehnen
Content-Binding-Assertion in der Approval-Attestierung vorhanden? Ablehnen
Benutzeridentität im Pocket-ID-JWKS auflösbar? Ablehnen
Freigabe gültig, nicht widerrufen, nicht abgelaufen? Ablehnen
target in Sink Registry registriert und allowed_actions erlaubt die Aktion? Ablehnen
target in approval.allowed_sinks enthalten? Ablehnen
Alle Agentensignaturen gültig gegen agent_keys zur issued_at? Ablehnen
Agenten zum Signaturzeitpunkt registriert und berechtigt? Ablehnen
Input-/Output-Hashes der Materialien-Kette konsistent? Ablehnen
Transformationen laut Freigabe zulässig? Ablehnen
Schema-Version der kanonischen Daten mit Approval kompatibel? Ablehnen
Nutzlast entspricht freigegebener Geschäftssemantik (OPA)? Ablehnen
payload_hash bereits für target übergeben? Keine erneute Übergabe

Erfolgsantwort:

{
  "valid": true,
  "workflow_id": "WF-0042",
  "original_user": { "issuer": "https://auth.basicstack.de", "subject": "user-12345" },
  "actors": ["agent-travel", "agent-sink-mapping"],
  "authorized_action": "expense.post",
  "artifact_digest": "sha256:<final hash>",
  "decision_id": "DEC-2026-0042",
  "decision_nonce": "<base64>",
  "bound_to_agent": "agent-sink-posting",
  "bound_to_target": "sink:sap-s4hana-prod",
  "expires_at": "2026-10-25T10:36:00Z"
}

5.1 Replay-Schutz (verbindlich)

  • decision_id enthält einen decision_nonce, Lebensdauer 5 Minuten.
  • Decision ist gebunden an (agent_id, payload_hash, target) — Zieländerung oder Agent-Wechsel invalidiert sie.
  • Verification Service hält eine Postgres-Tabelle decisions mit UNIQUE (payload_hash, target) für den Doppelübergabe-Check.
  • Jeder Senken-Adapter führt eine eigene Replay-Tabelle (sink_decision_log) mit UNIQUE (decision_id) und UNIQUE (payload_hash). Defence in Depth, denn der Trust-Core kennt die Idempotenz-Eigenschaften der Senke nicht.
  • Doppelübergabe wird gegen payload_hash (nicht nur workflow_id) geprüft.

6. Berechtigungssteuerung mit Open Policy Agent

Beispiel-Regeln (bewusst nicht ERP-spezifisch):

  • Agent A darf Belege extrahieren und Geschäftsdaten strukturieren.
  • Agent B darf Kontierungs- oder Zieldaten ergänzen und Felder auf das Senken-Schema zuordnen.
  • Agent B darf keine Beträge oder Währungen ohne zusätzliche Freigabe ändern.
  • Agent C darf ausschließlich vollständig validierte Vorgänge an Senken übergeben, und zwar nur an Senken aus allowed_sinks der Freigabe.
  • Pro Senken-Typ können zusätzliche Policies greifen (z.B. „Senke db-app erlaubt Updates, Senke sap-s4hana-prod nur Inserts").

Rego-Policies werden zentral verwaltet und versioniert; die zum Entscheidungszeitpunkt verwendete Policy-Version wird im Evidence Store mit abgelegt.

6.1 Fachliche Integritätsprüfung — Schema-Versionierung (verbindlich)

Ein Hashvergleich allein reicht nicht, weil sich beim Mapping das technische Format ändert. Deshalb binden wir die Freigabe an ein versioniertes kanonisches Schema:

{
  "schema": { "name": "expense.canonical", "version": "1.0.0" },
  "employee_id": "EMP-12345",
  "currency": "EUR",
  "total_amount": "428.50",
  "expense_items": [
    { "type": "HOTEL", "amount": "328.50" },
    { "type": "MEALS", "amount": "100.00" }
  ]
}

Verbindlich:

  • Kanonische Schemas und Senken-spezifische Zielschemas liegen versioniert in schemas/ im Repo.
  • Jede Approval-Attestierung signiert schema.name und schema.version mit.
  • Jede Transform-Attestierung signiert Input- und Output-Schema plus sink_target.
  • OPA-Policies arbeiten gegen das kanonische Schema; sie prüfen z.B. „Agent B darf total_amount nicht verändern" oder „Agent B darf expense_items[].amount höchstens kaufmännisch runden".
  • Schema-Änderungen sind Breaking Changes und erfordern eine neue Hauptversion.

7. Senken-Integration (generalisiert)

Der Trust-Core ist senken-agnostisch. Jede Senke wird über einen Senken-Adapter angebunden, der denselben Vertrag erfüllt. SAP S/4HANA ist eine Senken-Implementierung; weitere Beispiele siehe 7.1–7.5.

7.0 Vertrag jedes Senken-Adapters

Jeder Adapter MUSS:

  1. Verifizieren — ruft POST /api/v1/attestations/verify auf (oder bettet die Verifikationslogik mit eingezogenen Schlüsseln ein) und bricht bei valid=false oder abgelaufener Decision ab.
  2. Idempotent sein — führt eine eigene Tabelle sink_decision_log mit UNIQUE (decision_id) und UNIQUE (payload_hash).
  3. Audit-Mindestdaten speichern — pro erfolgreicher Übergabe: workflow_id, approval_id, decision_id, payload_hash, agent_id, original_user_sub, sink_record_ref (z.B. Belegnummer / DB-ID / Message-ID / Dateipfad), created_at.
  4. Übergabenachweis zurückgeben — signierte Antwort (ideal: Senke besitzt eigenen Schlüssel in sinks.callback_pubkey_pem; Fallback: Agent C signiert die unsignierte Senken-Antwort inkl. sink_record_ref selbst).
  5. Fehlerpfad definieren — nach N fehlgeschlagenen Versuchen fließt der Vorgang in eine senken-eigene Operator-Queue oder meldet strukturierten Fehler an den Trust-Core (sink_delivery_failed-Attestierung).
  6. Mapping zu Business-IDs darf nur serverseitig passieren — eine vom Agenten gelieferte Personalnummer / Benutzer-ID / Kostenstelle darf eine im Senken-System hinterlegte Zuordnung nicht überschreiben.

Die Verification Service-Antwort ist senken-agnostisch (decision_id, bound_to_target, bound_to_agent, authorized_action). Was die Senke damit tut, ist adapter-spezifisch.

7.1 Beispiel: SAP S/4HANA (Senke sink:sap-s4hana-prod)

ABAP-Integrationsschicht statt direktem Agentenzugriff auf Buchungsfunktionen.

Fluss: Agent C → ABAP REST Endpoint → SAP-Anwendungslogik.

POST /sap/bc/zexpense/v1/submit
Authorization: Bearer <sap-agent-token>
Idempotency-Key: WF-0042
Content-Type: application/json
{
  "workflow_id": "WF-0042",
  "approval_id": "APR-0042",
  "verification_ref": "DEC-2026-0042",
  "expense_ref": "EXP-2026-0042",
  "payload_hash": "sha256:<final hash>"
}

Vor der Buchung ruft ABAP den Validierungs-Webservice:

POST /api/v1/decisions/{decision_id}/replay-check

Rückgabe: ob Decision noch gültig, nicht verbraucht, an Agent C und Target gebunden.

sap-agent-token wird manuell im SAP-System hinterlegt. Rotation: neuer JWT (90 Tage) wird vom Signing Service erzeugt, Operator trägt in SM59 ein, alte und neue Token sind während Rollover parallel gültig.

SAP-Audit liegt in Tabelle ZAGENT_AUDIT (WORKFLOW_ID, APPROVAL_ID, USER_SUB, PERNR, AGENT_ID, PAYLOAD_HASH, VERIFICATION_ID, DECISION_ID, BUKRS/BELNR/GJAHR, CREATED_AT), mit UNIQUE (WORKFLOW_ID) und UNIQUE (DECISION_ID).

7.2 Beispiel: Eigene Datenbankapplikation (Senke sink:expense-db-app)

Minimale Senken-Variante: eine selbst gebaute Postgres-App (eigener Microservice).

Fluss: Agent C → HTTPS/mTLS → expense-db-adapter (Go-Service) → expense-postgres.

POST /api/v1/expense/submit
Authorization: Bearer <agent-c-oidc-token>  # Pocket-ID-Access-Token
Content-Type: application/json

Der Adapter:

  • verifiziert das Pocket-ID-Token gegen JWKS,
  • ruft Verification Service (POST /api/v1/attestations/verify),
  • schreibt in sink_decision_log (Idempotenz),
  • führt die Business-Insert/Update-Transaktion aus,
  • gibt sink_record_ref (z.B. db:expense_app/expenses/<uuid>) an Agent C zurück.

Idempotenz: UNIQUE (decision_id) und UNIQUE (payload_hash) in sink_decision_log. Business-Tabelle hat UNIQUE (workflow_id).

Vorteil gegenüber SAP: keine externe Krypto-Vertrauensbasis nötig; Adapter kann unmittelbar auf Agent Registry und JWKS zugreifen.

7.3 Beispiel: Generischer HTTP-Webhook (Senke sink:custom-webhook-*)

Für externe Dienste, die nur „einen HTTP-POST entgegennehmen" können.

POST <sink.endpoint_url>
Authorization: Bearer <sink-webhook-secret>  # pro Senke in Sink Registry
X-Decision-Id: DEC-2026-0042
X-Payload-Hash: sha256:<final hash>
Idempotency-Key: <decision_id>
Content-Type: application/json

Der Senken-Adapter läuft auf unserer Seite (nicht im externen System), weil wir die Verifikation vor dem Push durchführen müssen. Er verwaltet pro Senke:

  • Secret für Authorization-Header (im K8s-Secret),
  • Retry-Backoff (3 Versuche, exponentiell),
  • Rückmeldung an Agent C mit sink_record_ref: "http:<url>:<externe-id-aus-response>".

Falls die Senke keine Response-ID liefert, generiert der Adapter eine aus H(decision_id || endpoint_url).

7.4 Beispiel: Message-Queue (Senke sink:nats-kafka-*)

Für asynchrone Übergaben an interne Downstream-Systeme (Analytics, Replikation).

Der Senken-Adapter publiziert nach erfolgreicher Verifikation einen Event auf einem Topic. Payload enthält workflow_id, decision_id, payload_hash und (sofern erlaubt) den fachlichen Nutzinhalt. Idempotenz: Queue-Message-Deduplication-Key = decision_id. Senken-Belegnummer = Queue-Message-ID.

7.5 Beispiel: Dateiablage (Senke sink:sftp-*, sink:s3-*)

Für Export in Partnerumgebungen (SFTP) oder Cold-Storage.

Der Adapter legt eine Datei mit kanonischem Namen (<workflow_id>_<decision_id>.json) ab, signiert sie als DSSE und schreibt eine Index-Zeile in sink_decision_log. Dateipfad = sink_record_ref.

7.6 Welchen Adapter wo deployen?

Senke Adapter läuft bei uns Adapter läuft im Zielsystem
SAP S/4HANA nein (dünner Agent C) ja (ABAP-Endpoint + Validierungs-Webservice-Call)
Eigene DB-App ja (expense-db-adapter) —
HTTP-Webhook extern ja (webhook-adapter) —
Message-Queue ja (queue-adapter) —
Dateiablage ja (file-adapter) —
Legacy (Mail/EDI) ja (adapter spezifisch) —

Daumenregel: Wenn das Zielsystem eigene Autorisierungs-/Audit-Funktionen hat (SAP), bringen wir dort einen dünnen Verifier unter. Wenn nicht, läuft der komplette Adapter in unserem Cluster.

8. Nachweisablage und Transparency Log

8.1 Scope und Retention

Ziel: kryptografisch belegen, dass die Agent-Kommunikation unverfälscht gelaufen ist, und diese Prüfung nachträglich zulassen. Kein rechtssicheres GoBD-Archiv.

Retention Default: 1 Jahr. Nach Ablauf werden Attestierungen, Decisions und zugehörige Schlüsselhistorie automatisiert gelöscht. Konfigurierbar pro Prozess-Typ und pro Senken-Typ (z.B. Webhook-Senken kürzer).

8.2 Datenklassen

Daten Speicherung
Prozessstatus, Identitäten, Referenzen PostgreSQL (trust-postgres)
Senken-Registrierung PostgreSQL (trust-postgres)
Signierte Attestierungen (DSSE) S3 Object Storage
Transparency-Log-Einträge + Proofs Trillian + PostgreSQL
Reisekostenbelege und Geschäftsdaten Verschlüsselt in S3 (separater Bucket, PII-Store)
Signatur- und Schlüsselhistorie Agent Registry (Postgres), max 1 Jahr
Policy-Versionen Git-versioniert, Hash im Evidence Store
Senken-Übergabenachweise S3 + Index in sink_decision_log der jeweiligen Senke

Strikte Trennung PII vs. Nachweis.

8.3 Warum Trillian + PostgreSQL (nicht Cassandra)

Ein Transparency Log ist ein append-only Merkle-Tree mit Inclusion Proofs und signierten Tree-Heads. Entscheidend: strikte Reihenfolge, starke Konsistenz, Inclusion Proofs in ms. Cassandra ist dafür ungeeignet (eventual consistency, Ordering nur per Partition). Trillian + PostgreSQL ist bewährt (Basis von sigstore rekor), passt in unsere bestehende Postgres-Infrastruktur und reicht für < 1 Mio Einträge/Jahr auf einer kleinen Instanz. Täglicher signierter Log-Root wird ins Backup-System gespiegelt.

9. Deployment in Kubernetes

identity/
  pocket-id

agent-trust/
  trust-api             (Approval + Attestation + Agent Registry + Sink Registry + Verification)
  signing-service       (eigenes Deployment, enge Trust-Boundary)
  policy-engine         (OPA)
  trust-postgres
  trillian-log

transport/
  nats                  (JetStream für Agent↔Agent)

paperclip/
  paperclip
  agent-travel
  agent-sink-mapping
  agent-sink-posting

sinks/
  expense-db-adapter    (für sink:expense-db-app)
  expense-db-postgres
  webhook-adapter       (für sink:custom-webhook-*)
  queue-adapter         (für sink:nats-kafka-*)
  file-adapter          (für sink:sftp-*, sink:s3-*)
  # SAP-Adapter läuft als ABAP im SAP-System (nicht in K8s)

openbao/
  openbao

matrix/                 (optional, Phase 5)
  synapse
  element-web
  agent-matrix-gateway

9.1 Workload-Identitäts-Prüfung (doppelt)

Der Signing Service verifiziert für jeden Request beide Credentials:

  1. Pocket-ID-Access-Token (Header Authorization: Bearer) — gegen Pocket-ID-JWKS; sub = agent-<name> muss zu einem registrierten Agent passen.
  2. Projected ServiceAccount-Token (Header X-Workload-Token, Audience signing-service.agent-trust) — gegen K8s TokenReview; Namespace + ServiceAccount müssen zum Agent in der Registry passen.

Nur wenn beide auf denselben agent_id auflösen, wird signiert.

OpenBao Transit signiert Ed25519. Caveat: Transit kennt kein DSSE — der Signing Service berechnet die DSSE-PAE selbst und übergibt nur den Hash an Transit.

10. Implementierungsreihenfolge

Phase 1 — End-to-End-Skelett (3–5 Wochen) Pocket ID als IdP, Approval Service mit Content Binding, ein Testagent mit Ed25519-Schlüssel in der Agent Registry, Signing Service mit doppelter Identitätsprüfung, Verification Service für zweistufige Kette, eine triviale Senke (sink:dummy-sink als Mock-Adapter in Go) für den vollständigen Durchlauf.

Phase 2 — Agent Attestations in Breite Weitere Agenten, Schlüsselrotation, in-toto-Transformationsnachweise, OPA-Policies, Policy-Versionierung.

Phase 3 — Replay-Schutz, Transparency Log, Retention Trillian-Deployment, Decision-Nonce-Mechanik, Decision-Replay-Tabellen, Retention-Cron-Jobs, PII-Store-Trennung.

Phase 4 — Erste produktive Senke(n) Ein echter Senken-Adapter — Reihenfolge nach Business-Priorität:

  • Variante A: SAP S/4HANA (ABAP-Endpunkt, serverseitige Mitarbeiterzuordnung, SM59-Rotationsprozess, Validierungs-Webservice).
  • Variante B: Eigene DB-Applikation (Go-Adapter mit Postgres, einfacher zu bauen, geeignet als Pilot). Beide Varianten nutzen denselben Senken-Vertrag aus 7.0. Welche zuerst gebaut wird, entscheidet die Produkt-Priorität.

Phase 5 — Weitere Senken-Typen HTTP-Webhook-Adapter, Message-Queue-Adapter, File-Adapter — Baumuster steht nach Phase 4, inkrementell.

Phase 6 — Matrix für Mensch-Chat (optional) Nur Mensch↔Agent-Chat, E2EE. Agent↔Agent läuft weiter über NATS/HTTPS.

11. Was bewusst anders ist als in V1.0

  • SAP ist eine Senke, nicht das Ziel. Trust-Core ist senken-agnostisch, Senken sind Plug-ins mit festem Vertrag.
  • Matrix ist nicht Standard-Transport — nur optionale Mensch-Chat-Schicht.
  • Transparency Log ist eigene Komponente (Trillian), nicht nur Postgres-Tabelle.
  • Signing Service ist eigenes Deployment ab Tag 1.
  • PII-Store ist strikt getrennt vom Evidence Store.
  • Keine Unveränderbarkeits-/GoBD-Garantien — Retention 1 Jahr.
  • Pocket ID ist alleiniger IdP.

12. Empfohlener Kernstack (Zielbild)

Identität Pocket ID (Menschen + Agent-Clients)
Workload-ID K8s projected ServiceAccount Token + TokenReview
Signaturen Ed25519 / DSSE, OpenBao Transit
Provenienz in-toto v1, predicate-Namespace basicstack.de/attestations/*/*
Autorisierung OPA (Rego) + Approval Service
Transparency Trillian + PostgreSQL
Transport HTTPS/mTLS + NATS JetStream (Agent↔Agent); Matrix optional (Mensch)
Agenten Paperclip
Senken Plug-in-Architektur — SAP S/4HANA (ABAP), eigene DB-Apps (Go-Adapter), HTTP-Webhooks, Message-Queues, Dateiablage
Evidence PostgreSQL + S3 (Retention 1 Jahr)
PII Separater verschlüsselter S3-Bucket, redaktionierbar

Wichtigste Empfehlung bleibt: Zuerst in Phase 1 ein vollständiger signierter Testdurchlauf mit einer trivialen Mock-Senke. Erst in Phase 4 wird die erste echte Senke angebunden — ob SAP oder eine eigene DB-App entscheidet die Produkt-Priorität.